Die Entnazifizierung Leihgesterns
Über die nationalsozialistische Vergangenheit der eigenen Familienmitglieder will man entweder nichts oder alles wissen. Ein wirklicher Mittelweg scheint dabei kaum möglich. Wer in den letzten Wochen neben den zahlreichen Meldungen über Trump, dem Krieg im Nahen Osten und den stetig steigenden Spritpreisen noch weiter aufmerksam die Nachrichten verfolgt hat, ist möglicherweise noch über die folgende Nachricht gestolpert: Im US-Nationalarchiv sind nun die NSDAP-Mitgliedsakten online für jeden öffentlich durchsuchbar. Man kann dort nun ganz einfach nach den eigenen Verwandten suchen.
Bisher konnte man das auch, allerdings nur mit einer Anfrage an das Bundesarchiv. Hier liegen zwar 12,7 Millionen Digitale-Karteien, also alles, was in den Kriegsjahren nicht zerstört wurde, in Deutschland gelten diesbezüglich aber strenge Schutzfristen. Die gesetzlichen Schutzfristen liegen bei 100 Jahren nach der Geburt oder zehn Jahren nach dem Tod einer Person. Öffentlich zugänglich sind die Dokumente daher nicht. Das Bundesarchiv muss per E-Mail kontaktiert werden.
Ganz anders ist es bei den Akten, die das US-Nationalarchiv nun zur Verfügung gestellt hat. Hier können Privatpersonen auf der Website unter catalog.archives.gov/search-within/12044361 im digitalen Katalog die Serie der NSDAP-Akten durchsuchen. Unterteilt wird diese in beiden Archiven in Zentralkartei (US: MFKL) und in Ortsgruppen oder sogenannte Gaukarteien (US: MFOK).
Die Navigation der Suche ist leider nicht ganz einfach. Für die Gemeinde Leihgestern lassen sich einige gute Treffer erzielen, während sich die Suche nach Daten zu Großen-Linden etwas komplexer gestaltet.
Wenn Privatpersonen gezielt nach Namen und/oder demographischen Daten der eigenen Angehörigen suchen, werden sie schneller fündig, da mehrere Suchbegriffe kombiniert werden können (z.B. Name, Wohnort).
Für die Gemeinde Leihgestern wird demnächst im Archiv der Stadt Linden auf dieser Grundlage zusätzlich eine eigene kleine Datenbank entstehen. Diese wird eine Ergänzung zu den Unterlagen aus Karton 465 bilden. Hierin befinden sich die Unterlagen zur Entnazifizierung der Mitglieder der Gemeinde Leihgestern.
Die Entnazifizierung wurde ab Juli 1945 durch die Alliierten umgesetzt und zielte darauf ab, die deutsche und österreichische Gesellschaft in den Bereichen Gesellschaft, Kultur, Presse, Ökonomie, Justiz und Politik von den Einflüssen des Nationalsozialismus zu befreien. Im Zuge dieses Prozesses wurde schlussendlich auch die NSDAP aufgelöst, die zu diesem Zeitpunkt noch 8,5 Millionen Mitglieder hatte.
Im Zuge dieser Entnazifizierung wurden Personen auf ihre Verstrickungen in nationalsozialistischen Organisationen überprüft. Ziel des Unterfangens war es eigentlich, sicherzustellen, dass sich in Deutschland keine Beamten mit nationalsozialistischer Gesinnung mehr in leitenden Positionen befinden.
Die Akten aus dem Archiv zeigen aber, dass eine große Menge der Leihgesterner Bürger im Zuge des Verfahrens überprüft wurden. Es finden sich dutzende Namenslisten, in denen Anmerkungen zu Bürgern und ihren Verstrickungen zu finden sind. Die meisten von ihnen wurden als unbelastet bestätigt, eine Vielzahl von ihnen findet man zudem in den Weihnachts-Amnestie-Listen.
Die Weihnachtsamnestie, später auch „Persilscheine“ genannt, wurde in der amerikanischen Besatzungszone 1946 angekündigt und am 5. Februar erlassen. Hierbei wurden all jene begnadigt, die als Mitläufer eingestuft wurden und körperlich behindert oder einkommensschwach waren. Ziel war es auch, die Verfahren der Entnazifizierung weiter zu reduzieren. Auch die Leihgesterner wurden von den Alliierten begnadigt, das geht aus mehreren Unterlagen hervor. Eine Liste stellt einen Nachtrag zur Weihnachtsamnestie dar. Darin sind nicht nur Namen, Geburtsdaten, Adressen und Kennnummern verzeichnet, sondern in der letzten Zeile auch knapp zu welcher Gruppierung der Beschuldigte gehörte.
Neben der Mitgliedschaft in der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel, sind auch Angaben zu NSDAP oder SA zu finden. Einige Organisationen sind hingegen eher weniger bekannt. So finden sich in den Listen etwa Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunde sowie der NS-Frauenschaft. Auffallend ist, dass sich viele Frauen in der Liste der Begnadigten befinden, von den 32 amnestierten Personen waren 18 weiblich.
Während ein Großteil der Listen die Unbelasteten und Begnadigten aus Leihgestern dokumentiert und damit eine gute Quelle für alte Adressen, Familien und auch nationalsozialistische Verstrickungen liefert, finden sich in den Unterlagen auch Informationen über Leihgesterner Bürger, die in einem Verfahren schuldig gesprochen wurden. Aus den Sühnebescheiden geht hervor, dass die Verurteilung als Minderbelasteter oder Mitläufer je nach Urteil mit einer Zahlung von 100 bis 2000 Reichsmark und in einigen Fällen auch einer kurzen Bewährungsstrafe geahndet wurde.
In den Akten finden sich zudem Dokumente einer Verurteilung mit der Einstufung in die Gruppe 2, die der sogenannten Belasteten. Darin findet sich eine kurze Biografie des Verurteilten. Ein 60-jähriger Mann, der erst nach dem Krieg nach Leihgestern zog, hatte seine Straftaten in anderen Großstädten begangen. Hier hatte er sich unter anderem an beschlagnahmten Gütern bereichert und bei politischen Verhaftungen mitgewirkt.
Verurteilt wurde er zu zwei Jahren und sechs Monaten Arbeitslager für die ihm aber die nach dem 8.5.1945 erlittene politische Haft angerechnet wurde. Insgesamt 30% seines Vermögens wurden eingezogen und er durfte keine öffentlichen Ämter mehr belegen und sich in keiner Form mehr politisch beteiligen. Zudem verlor er seinen Anspruch auf eine aus öffentlichen Mitteln gezahlte Rente und konnte lediglich „einer gewöhnlichen Arbeit“ nachgehen, nicht als Selbstständiger, Lehrer, Prediger, Redakteur oder ähnlichem.
Während die neu veröffentlichten Unterlagen zur Parteimitgliedschaft in der NSDAP nun eine schnelle Möglichkeit bereithalten, sich über die eigene Familien-Vergangenheit zu informieren, bieten die Akten zur Entnazifizierung Leihgesterns neben den üblichen genealogischen Informationen vor allem auch den Kontext zu dem Datensatz des US-Nationalarchivs. Die Aufzeichnungen über NSDAP -Mitgliedschaften stellen einen wichtigen Baustein zur Entnazifizierung dar, die Akten aus dem Archiv zeigen, wie die Entnazifizierung durch die Alliierten durchgeführt wurde.
Das Archiv ist Mo-Fr von 8:00-14:00 Uhr unter 06403-605-52 oder via erreichbar.