saniertes Wasserhaus Leihgestern

Das historische „Wasserhaus“ Leihgestern ist denkmalgeschützt und wurde 1907 erbaut. Es ist im eigentlichen Sinne ein Wasserhochbehälter, denn die Quellen, die ihn speisen, liegen höher und etwas östlich entfernt auf den Gelände des „Grillplatzes Leihgestern/Am Wasserhaus“. Hiermit wird deutlich, daß der Zusatz „Am Wasserhaus“ dort fälschlich genannt und irreführend ist.
Das imposante Bauwerk wurde aus Lungenbasalt der heimischen Region bzw. des Vogelsberges erstellt, der auch bereits beim Bau der evangelischen Kirche und des angrenzenden Kriegerdenkmals in Leihgestern Verwendung fand. Er erhielt eine aus groben Lungensteinquadern gemauerte Portalwand mit rundbogigem Eingang und geschwungen ausgreifenden Wangen. Der für den späten Historismus typische wehrhafte Charakter wurde durch große Vierkantblöcke als oberer Abschluss betont. Das Industriedenkmal ist daher ein Zeitzeuge sondern auch ein „Technisches Denkmal“ seiner Zeit. Es kann davon ausgegangen werden, daß italienische Arbeiter die Arbeiten durchführten, da sie ein umfassendes Wissen in Sachen Wassertechnik besaßen. Diese Erkenntnis basiert auf Aufzeichnungen aus dem gesamten mittelhessischen Raum.
Es verdeutlicht aber auch den damaligen Stellenwert des Wassers in der Gesellschaft und sicherte die erste erste zentrale Wasserversorgung der ehemaligen selbständigen Gemeinde Leihgestern.

Wasserversorgung der Gemeinde Leihgestern

Vor 1907 waren die Bürger überwiegend auf eigene Wasserversorgung angewiesen. Dies geschah zum einen, indem man eigene Brunnen hatte, die entweder in den Höfen oder auf dem Anwesen lagen oder aber man entnahm das Wasser den vorhandenen Bachläufen. Als im Jahre 1907 das „Wasserhaus“, gebaut wurde, war die zentrale Wasserversorgung sichergestellt. Die Speisung desselben erfolgte wie schon zuvor beschrieben, durch die ca. 300m oberhalb liegenden Quellen am heutigen Grillplatz. Durch den Höhenunterschied war ein gleichbleibender Wasserdruck gewährleistet.

Allerdings ließ auch diese Trinkwasserqualität sehr zu wünschen übrig, da es sich bei den Quellen überwiegend um Oberflächenwasser handelte und daher von Krankheitserregern nicht gänzlich frei war und eine gesundheitliche Gefährdung darstellte, denn das Wassereinzugsgebiet war weitestgehend von Landwirtschaft geprägt. Das führte dazu, daß durch die Düngung mit Stallmist und später durch Überdüngung mit Kali viele Schadstoffe in das Trinkwasser kamen, was wiederum eine hohe Krankheitsrate mit sich brachte.
Da die Bevölkerungszahl der Gemeinde Leihgestern ständig stieg und damit auch der Wasserbedarf, wurde im Jahre 1969 ein zweiter Brunnen am nördlichen Ortsrand im Steinweg gebaut dessen Pumpstation noch funktionsfähig ist. Mit Anschluß an die überörtliche zentrale Wasserversorgung der Mittelhessischen Wasserwerke für unsere gesamte Region wurde das hist. Wasserhaus abgeschaltet und verlor seine Funktion.
Nach Stilllegung des Hochbehälters geriet das technische Denkmal in Vergessenheit. Die Pumpenanlagen wurden entfernt und es begann der bauliche Verfall, der mit einer Anhäufung von Unrat, Müll und Baumschnitt aus dem Bestand der geschützten Streuobstwiesen begleitet war.

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Zeitliche Abfolge der Erhaltung

Im März 2009 ist es der Aufmerksamkeit des Leihgesterner Bürgers, Dietmar Reichel zu verdanken, der von dem Zustand schockiert war. Nach spontaner eigener Recherche hatte er feststellen müssen, daß bereits 2008 eine Abrißgenehmigung beantragt worden war und die Umsetzung stand unmittelbar bevor. Dieser Gesamtumstand war jedoch der Bevölkerung nicht bekannt. Er gründete jedoch daraufhin mit der NABU Ortsgruppe Linden und der Heimatvereinigung Schiffenberg Ortsverein Leihgestern die „Interessengemeinschaft Erhalt des historischen Wasserhauses Leihgestern“. Ziel war es, das Gebäude zu erhalten, es restaurieren zu lassen und unter Denkmalschutz zu stellen. Dadurch sollte es auch für nachfolgende Generationen sicher erhalten werden und zusätzlich den bedrohten Fledermausarten eine Heimstatt bieten.
Als erste Maßnahme erfolgte eine großangelegte Information der gesamten Bürgerschaft in Linden und dem Kreis Gießen unter Einbeziehung der hiesigen Presse. Parallel dazu wurde eine Unterschriftenaktion eingeleitet. Sie hatte zur Folge, daß sich mehr als 1200 Bürgerinnen und Bürger für den Erhalt des Industriedenkmals aussprachen.

Als am 29. Juni 2009, der Termin des Abrisses bekannt geworden war, wurden die Bürger von dem Vorhaben in Kenntnis gesetzt. In einer bisher nicht gekannten beispiellosen und spontanen Solidaritätsaktion blockierten am Tag des anberaumten Abrisses landwirtschaftliche Zugmaschinen und Anhänger das schützenswerte Gebäude und verhinderten damit den bevorstehenden Abriß. Das Geschehen wurde auch vom Hessischen Rundfunk in seiner Live-Sendung aufgenommen und dokumentiert. Die Folge war, das Bauunternehmen konnte den Abriß nicht durchführen und setzte daraufhin den Bürgermeister der Stadt davon in Kenntnis. Dieser schloß eine Gewaltanwendung gegen die Bürger aus und ordnete den Abzug der in ca. 300m entfernt warteten Baumaschinen an.
Danach erfolgte im Rathaus die Übergabe der Unterschriften und erst danach wurde seitens der Stadt erstmals Gesprächsbereitschaft signalisiert. Doch auch bei einem anberaumten gemeinsamen Ortstermin war die Stadt gewillt war, das Bauwerk in seiner angestammten Form und Lage zu erhalten. Im Gegenteil, sie schlug die zwei nachstehenden Varianten vor:

1. Variante
Das Industriedenkmal abtragen zu lassen und die wertvollen Steine auf Halte zu legen, um sie bei evtl. Sanierungen aus gleichem Material bestehender Bauwerke weiter zu verwenden oder

2. Variante
Die imposante Front des Denkmals abtragen zu lassen und es an dem ca. 300m entfernten liegenden Grillplatz wieder aufbauen zu lassen.

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Beides entsprach jedoch nicht dem Grundgedanke der Interessengemeinschaft und dem eindeutigen Votum der Bürgerschaft. Nach vielen Einzelgesprächen mit Mitgliedern städtischer Gremien, erwog die Stadt erstmals, das Denkmal an dem historischen Ort zu erhalten. Danach erfolgte am 15.09.2009 die Beschlussfassung des Parlamentes, das Wasserhaus zu erhalten und zu sanieren.
Es folgte ein Ortstermin mit der unteren Denkmalschutzbehörde, des Landesamtes für Denkmalschutz und Bürgermeister der Stadt. Dies begründete schließlich später den Beschluß, den Wasserhochbehälter als Kulturdenkmal zu einzustufen und in das Denkmalsbuch aufzunehmen. Nachzulesen in der am 15.03.2010 vom Landesamt für Denkmalschutz Hessen herausgegebenen „Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Hessen, Landkreis Gießen II“, Seite 384. Ein bewegender Moment für alle, die sich bisher für den Erhalt eingesetzt haben.

Es folgten nachfolgende Maßnahmen zur Restaurierung

  1. Der Lindener Architekt Ralf Bender, hatte kostenfrei exakte Aufmessungen des Gebäudes vorgenommen und daraus Bestandspläne erstellt. Sie bildeten die Grundlage für alle nachfolgenden Berechnungen.
  2. Die erforderlichen umfangreichen statischen Berechnungen hatte der Lindener Statiker Ing. Gerhard Gröger in einem sehr ausführlichen Gutachten kostenfrei zusammengestellt.
  3. Im Frühjahr 2010 begannen die Sanierungsarbeiten am Portal, die in Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde erfolgten.
  4. Die gesamtstatische Absicherung der Eingangskuppel erfolgte auf Beschluß der Stadt mit Eichenholz.
  5. Teilbereiche der großen 4 tiefliegenden Bassins wurden von der NABU so ausgestattet, daß sich Fledermäuse daran festhalten und überwintern können.
  6. Für die Gestaltung des Vorplatzes hatten die Leihgesterner Familien Uwe und Peter Schäfer Basaltkopfsteinpflaster gestiftet, das geschichtsträchtig der gleichen Epoche wie das Wasserhaus entstammt und einer alten Hofreite entnommen wurde.
  7. Der Basaltsteinbruch Fa. Herhof aus Greifenstein spendete eine große Basaltstehle, die zur Aufnahme eines historischen Hinweises dient und sich eindrucksvoll dem Gebäude einschließlich Vorplatz anpaßt.
  8. Die Absicherung des Vorplatzes mit großen Basaltblöcken, um ein Befahren durch Fahrzeuge zu verhindern, spendete ebenfalls der Lindener Bürger, Jörg Steinmüller
  9. Die neue Türe wurde mit Abstimmung eines Fledermausexperten der NABU mit einem Einflugschlitz versehen
  10. Das Türportal erhielt ein historisches Wappenschild, das von D. Reichel gestiftet wurde. Das Wappen entstammt einem ehemaligen Leihgesterner Rittergeschlecht und stellt einen doppelköpfigen Kranich dar. Es geht damit eine hervorragende Symbiose mit dem Wasser ein.
  11. Um den Druck vom Eingangsportal des Denkmals zu nehmen, wurde in Eigeninitiative die Erdschicht abgetragen und die Obergeschoßdecke isoliert und mit Folie versehen. Danach wurde ein Teil der Erde wieder aufgetragen.
  12. Damit der beabsichtigten Ansiedlung von bedrohten Fledermausarten Nachdruck verliehen wird, gestaltete die NABU Vorrichtungen, um den Tieren eine Möglichkeit zum Ruhen („aufhängen“) zu schaffen.
  13. Der Leihgesterner Bürger, Andreas Battenfeld erstellte und pflegt kostenlos die eigens erstellte Homepage. Damit werden die Umstände, die eine Restaurierung erst möglich machten, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und der Nachwelt erhalten. www.wasserhaus-leihgestern.de
  14. Die imposante Lage veranlaßte uns, auf dem höchsten Punkt des Denkmals in Eigenhilfe zu Sanieren und eine Möglichkeit zu schaffen, um Interessierten den schönen Blick auf Leihgestern und das Umland zu ermöglichen.

Einweihung des Denkmals

Am 12. September 2010, erfolgte am bundesweiten Tag des offenen Denkmals die offizielle Einweihung des jüngsten Denkmals unserer Stadt Linden. Unter überwältigender Teilnahme der hiesigen und überörtlich interessierten Bevölkerung, konnte die Interessengemeinschaft und nun auch gemeinsam mit dem Bürgermeister der Stadt, das Denkmal einweihen. Nach verbindenden Worten der Pfarrerin zu „Wasser & Leben“ und unter Mitwirkung des Schulkinderchores der Wiesengrundschule Leihgestern sowie des Shanty Chores Großen-Linden. Parallel dazu war angegliedert eine Ausstellung über den chronologischen Verlauf der Sanierungsarbeiten.

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Das Engagement der Interessengemeinschaft mit über 2000 geleisteten Arbeitsstunden und der großen Unterstützung unserer Bürger für die nachfolgenden Generationen und der Natur hat sich gelohnt. Seit diesem Zeitpunkt beteiligt sich die Interessengemeinschaft alljährlich an dem „Tag des offenen Denkmals“, der jeweils am zweiten Sonntag im September begangen wird.

Das Land Hessen würdigte das Engagement mit der Überreichung des Ehrenamtspreises 2012. Heute kann man feststellen, daß das historische Wasserhaus nunmehr für viele Bürger, Vereine, Schulen und Kindergärten Anlaß zu einem Besuch gibt und über unsere Region hinaus Bekanntheit erlangt hat.

Geografische Lage

Geografische Lage

Das „Wasserhaus“ liegt in mitten von Streuobstwiesen ca. 300m vom Ortsrand entfernt in der Gemarkung „Am schwarzen Morgen“ Flur 11, Flurstück 368. Seine herausragende geografische Lage läßt im unmittelbaren Nahbereich einen Blick über Leihgestern mit der ev. Kirche bis hin zur Main-Weser Bahn zu. In der Ferne sind von links nach rechts der Stoppelberg bei Wetzlar, Ausläufer des Westerwaldes und der Dünsberg, Vetzberg und Gleiberg zu sehen.

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Um zu unserem Denkmal zu gelangen, sollte man am „Georg-Heß-Platz“ parken und dort am Hüttenberger Heimatmuseum den geschichtlichen Gang starten. Es ist einzigartig in der Region und beherbergt neben Einrichtungen und täglichen Gebrauchsgegenständen auch sehr schöne Trachten. An dem kl Dorfplatz gegenüber befindet sich die Heimatstube, die ebenfalls geschichtlich Interessantes auch anhand alter Fotos aufzuweisen hat.
In Sichtweite befindet sich die ev. Kirche, deren Ursprung auf das Jahr 1237 zurückführt, biegt man nach rechts in die Kirchgasse mit vielen denkmalgeschützten Fachwerkhäusern. Am Ende der Straße liegt auf der linken Seite das Geburtshaus von Heimatdichter Georg Heß. Gleich danach gelangt man, links der etwas ansteigenden Kreuzgasse folgend zu einer ebenfalls kulturgeschützten zweiteiligen, tonnengewölbten Kelleranlage aus dem 18. Jhdt.. Man überquert die nächste Kreuzung halblinks haltend in südöstlicher Richtung und kommt so auf die Straße „Zum Haanes“, an derem Ende man schon auf die Beschilderung und Hinweistafel gelangt, die zum ca. 300m entferntem historischen. Wasserhaus führt.

An gleicher Stelle befindet sich auch ein Hinweis, der in östlicher Richtung immer geradeaus zum ca. 2,4km entfernten Weltkulturerbe „Limes“ zeigt und gelangt dort zu einem rekonstruierten römischen Wachturm mit vorgelagertem Palisadenzaun und dem Limesradweg.

Verein Historisches Wasserhaus Leihgestern

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